Wenn Sie am Wochenende oder an Feiertagen auf irgendeiner Autobahn einen Rastplatz anfahren, dann sehen Sie, dass diese überall voll geparkt sind mit LKWs. Die Fahrer/Innen sind häufig gezwungen, ihre Freizeit auf solchen Parkplätzen weit von Ihrem Zuhause und ihren Familien zu verbringen. Die meisten von Ihnen kommen aus Osteuropa, ihre Arbeitsbedingungen sind extrem schwierig und sie haben kaum die Möglichkeit sich auszutauschen. Die Arbeit im Logistiksektor ist in den letzten Jahren wesentlich härter geworden, der Termindruck ist erheblich gestiegen, ständige Kontrollen und lange Arbeitszeiten sind die Regel. Hinzu kommt, dass das gesellschaftliche Ansehen der Fahrer/Innen nicht hoch ist und sie oft nicht die Behandlung erfahren, die sie verdienen. Und doch muss man sich immer wieder klar machen, dass diese Fahrer/Innen für uns alle arbeiten; durch sie wird Wirtschaften, Produzieren und Konsumieren erst möglich.
Sie arbeiten für uns alle; durch sie wird Wirtschaften, Produzieren und Konsumieren erst möglich und sie sind verdammt allein gelassen!
Um diesen Menschen eine Möglichkeit für Gespräche, Austausch und Begegnung zu geben, haben die Arbeitnehmerseelsorge, das Kath. Dekanat Hegau und das ökumenischen Netzwerk „Kirche und Arbeitswelt“ am Samstag, 21. und Sonntag 22. April 2018, die deutschlandweit erste „Lenkpause für Körper und Seele“ an der Autobahnkapelle Hegau durchgeführt. Mit Informationsständen waren die katholische Fernfahrerseelsorge, Ver.di, der DGB, Faire Mobilität, Europäische Transportarbeiter-Föderation und das Polizeipräsidium Konstanz vor Ort. Über fünfzig ehrenamtliche Helfer/Innen haben mitgewirkt; dass die „Lenkpause“ ein Erfolg wurde, auch wenn sie sich anders entwickelt hat, als ursprünglich gedacht, ist ihnen zu verdanken. Ihr unermüdliches Engagement während der beiden Tage, aber auch schon bei der Vorbereitung, ihre Offenheit für Kontakte und ihre Bereitschaft zur Improvisation waren einfach großartig. Es wurden ca.700 Essen, Kaffee, alkoholfreie Getränke, Obst, Kuchen etc. an die Fernfahrer ausgegeben. Per Shuttle-Bus wurden diese auch von anderen Parkplätzen in der Umgebung abgeholt und zur Kapelle gebracht.
Es kam zu vielen Gesprächen und Begegnungen mit den Fahrern, die dank eines Dolmetscher- Teams sehr intensiv geführt werden konnten. Am Anfang war die Skepsis groß, denn die Fahrer sind es nicht gewohnt angesprochen zu werden; sie sind nicht daran gewöhnt, dass sich jemand für sie und ihre Arbeitssituation interessiert, ihnen zuhört, ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit ihnen teilen will. In der Regel sind sie wochenlang unterwegs, allein und ziemlich einsam; weit von Freunden und Familien wird die Kabine zu ihrem Zuhause. Das Smartphone und das Tablet stellen die einzige Möglichkeit für sie dar, in Kontakt mit ihren Lieben zu bleiben.
Die Lenkpause hat Bogdan für ein Wochenende aus der Kabine herausgeholt und ihm Austausch und Teilnahme ermöglicht.
Bogdan, Fernfahrer aus der Ukraine, erzählt uns: „ An den Wochenenden sind wir nicht mobil. Keinen Meter, keine Minute dürfen wir in der Pause fahren; und ausgerechnet an einem Wochenende fiel mir mein Tablet von der Kabine herunter. Es war natürlich kaputt! Und an diesem Abend war ich mit meiner Familie zum Chatten verabredet! Ohne auch nur eine Minute zu zögern machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum nächsten Mediamarkt, um ein neues zu kaufen. Das waren mehr als 30 Kilometer hin und zurück! Das neue Tablet kostete 150 Euro, das ist sehr viel Geld für mich, aber ich überlegte keine Sekunde. Die Vorstellung, am Abend keinen Kontakt zu meiner Familie aufnehmen zu können, schien mir unerträglich; ich wollte sie unbedingt hören, sehen und mit allen sprechen. Ich wollte nicht das Gefühl haben, allein zu sein. Nach dem Kauf stieg ich zufrieden in meinen 40-Tonner. Vielleicht ist das für viele schwer zu verstehen, aber das Tablet gibt mir Sicherheit, das Gefühl, dass ich nicht alleine bin, dass ich eine Familie und Freunde habe.“
Auch am Wochenende der „Lenkpause“ hat Bogdan das Tablet immer bei sich gehabt. Er hat viel aufgenommen und er wollte selbst aufgenommen werden, auch als er im Gottesdienst ein Gebet auf Ukrainisch gelesen hat. Die Aufnahmen wollte er dann später, von der Kabine aus, seiner Familie und seinen Freunden schicken, um sie teilnehmen zu lassen an seiner Welt, er wollte sie beruhigen und ihnen zeigen, dass es auch unterwegs Menschen gibt, die an ihm interessiert sind. Er wollte zeigen, dass er lebt.
Die Lenkpause hat Bogdan und einige seiner Kollegen für ein Wochenende aus ihrer Einsamkeit herausgeholt, sie hat ihnen Austausch und Teilnahme ermöglicht. Das hat alle Beteiligten noch einmal in ihrer Überzeugung bestätigt, dass die Kirche sich dorthin bewegen muss, wo die Menschen sind, wo sie leben und arbeiten. Eine solche Annäherung der Kirche an die Lebenswelten der Menschen, eine solche direkte Vermittlung der christlichen Nächstenliebe motiviert offensichtlich auch Ehrenamtliche aus Pfarrgemeinden und Netzwerken dazu, sich zu engagieren, da sie bei solchen Einsätzen erfahren, dass Kirche auch an „anderen Orten“ spürbar werden kann und nicht reduziert ist auf sakrale Räume. Sie erfahren, dass die Kirche überall in unserem Leben präsent ist.
Diese Aktion wird sicher wiederholt werden, und es ist zu hoffen, dass die Idee Schule macht.
Auf dem deutschen Autobahnnetz gibt es mehr als fünfzig Autobahnkapellen und unendlich viele Parkplätze. Es wäre schön, wenn die Fernfahrer in Zukunft nicht nur im Hegau eine solche Lenkpause einlegen könnten.
Gianfranco Rizzuti